Samstag, 15. Februar 2014

Der nackte Wahnsinn

Rosie hatte gestöbert und war fündig geworden: «Der nackte Wahnsinn»
So stand es da, in den Theateranzeigen. Irgendwie kam es uns bekannt vor. Ich meine, nicht nur als Theaterstück. Aber als Theaterstück wohl bekömmlicher. Und man konnte ihn im Theater leibhaftig anschauen, den Wahnsinn. Im Thalia Theater nämlich. Mit einer Eintrittskarte zum Wahnsinn.
Nicht, dass er nur dort anschaulich wäre, das wohl nicht, aber dort versprachen wir uns am meisten Vergnügen mit dem Wahnsinn. Und Rosie hatte bereits Entzugserscheinungen - das Theater betreffend.
Wir machten uns also auf gen Wahnsinn, und wir hatten sehr viel Vergnügen mit demselben. Es war wahnsinnig lustig.
Wir fuhren mit der U-Bahn, U1 bis zur Station, genannt «Jungfernstieg». Früher gab es am Jungfernstieg keine Stiegen, heute sind überall Rolltreppen. Das liegt an den vielen unterirdischen Gängen und Passagen. Aus diesen suchten wir den Ausgang über die Passage, die sich «Europa» nannte, wie diese wahnsinnig schöne Königstochter aus Kleinasien, die der alte Zeus als Stier nach Kreta entführte. Das war auch so eine «Passage», die heute für eine ganze Globalisierung mißbraucht wird.
Diese Passage, in der wir gerade steckten, war eine Ansammlung von Läden, die schon etwas labyrinthisches an sich hatten. Man konnte sich darin verlieren und den Ausgang vergessen.
Des Wahnsinns eingedenk, kamen wir nach unzähligen Läden und einigen Rolltreppen an der Mönckebergstraße wieder in die Oberwelt. Kurz umgeschaut und eben um die Ecke gegangen, stehen wir vor einem bekannten Namen, um den es wahnsinnig funkelt und glitzert:


Aber das war jetzt nicht unser Ziel, wir waren ja auf dem Wege zum «nackten Wahnsinn».
Also - das konnte es nicht sein - es ging weiter, Richtung Binnenalster, Alstertor...


Wenige Schritte nur, und wir stehen vor dem Thalia Theater, ein Ort, dessen Bretter die Welt bedeuten sollten. (Die Frage, ob der Wahnsinn an dem Ort, der die Welt bedeuten soll, besonders zu Hause sei, lassen wir offen.) Und da leuchtet er uns auch schon entgegen, der nackte Wahnsinn. Unter griechischen Säulen, dorisch, wenn ich mich recht erinnere. Und in Griechenland war doch unser guter alter Sisyphos zu Hause - auch so ein Wahnsinn, wenn man bedenkt, wie viele Nachahmer des Sisyphos es heute gibt.  In der alten Tragödie war der Wahnsinn ja auch schon zu Hause. Aber dort war er nicht so locker und lustig. Er war eben tragisch. Und die Tragödie tut dem Wahnsinn nicht gut. Sie nimmt ihm das wesentliche Element, welches das Leben lebenswert macht: Den Humor.
Wahnsinn ohne Humor ist nun wirklich nicht lustig.
Wir sehen die Aufschrift grafisch strukturiert, der Hiatus in der Silbenaufteilung sticht ins Auge, doch es ändert nichts an dem Inhalt: Wahnsinn - und das nackt!


Wir lassen uns überraschen. Also, ich jedenfalls. Ich kannte das Stück ja nicht. Nicht genau so. Also nicht in der hiesigen Fassung. Wahrscheinlich kennen die meisten den nackten Wahnsinn in einer eigenen persönlichen Fassenung. Aber das ist auch nur eine Vermutung - vielleicht zum Selbstschutz.
Nun, hier jedenfalls lassen sich Protagonisten namhaft machen, und sie haben großartig gespielt.
Das Stück, eine einzige Plattitüde, welche auf der Bühne geprobt wird, eine Generalprobe, klappt hinten und vorne nicht. Man sieht die Probe zuerst von vorne, dann von hinten, aus der Perspektive der Kulissen, um den Wahnsinn von allen Seiten zu beleuchten. Und je weiter es gedeiht - gedeihen ist hier die falschestmögliche Bezeichnung - umso mehr wird es seinem Titel gerecht.


Das Stück sei wärmstens empfohlen. Man darf bekanntermaßen keine fotografischen Dokumente aus dem Theater mitnehmen, so sehr es auch gereizt hätte. Also gibt es hier keine Bilder. Wir tragen den Wahnsinn auch ohne fotografische Dokumente mit uns nach Hause, zusammen mit einem wahnsinnigen Hunger und Durst.


Dem wird dann an mitternächtlichem Tische in allen verfügbaren Varianten entsprochen.
Es war ein wahnsinnig schöner Abend.